BRING MICH NACH HAUSE
Frühjahr 2010: Lange nichts von Wir sind Helden
gehört. Warum nur? Weil sich die vier in den letzten
zwei Jahren die erste wirklich gründliche Auszeit
nach sieben Jahren des Draußen-in-der-Welt-Seins
gegönnt haben. Diese auch fortpflanzungsbedingte
Atempause wurde genutzt, um sich nach drei Alben
– „Die Reklamation“ (2003), „Von hier an blind“
(2005) und „Soundso“ (2007) -, unzähligen Tourneen
und einer Zeit des ständigen Gefundenwerdens zu
erlauben, mal wieder selber auf die Suche zu gehen.
Nach neuer Musik, neuen Begeisterungen. Und natürlich
nach Wahrheit und Tiefe und Größe, Weltformel,
Kindergarten- und Fahrradstellplätzen etc. Jetzt
ist das vierte Album fertig. „Bring mich nach
Hause“ heißt es, „weil es darauf viel ums Verlaufensein
geht und um Verlorenheit, mehr als ums Pfadfinden“
(Judith H.) Aber hören wir zu all dem jetzt die
Fachreferenten: Judith Holofernes, Mark Tavassol,
Jean- Michel Tourette und Pola Roy.
Was war los die
letzten drei Jahre?
Judith: Zuerst
haben wir ein halbes Jahr richtig Pause gemacht,
um endlich mal wieder Platz zu schaffen für die
Sachen, die in einem ach so professionellen Musikerleben
gerne untergehen: Musikhören, auf Konzerte gehen,
neue Instrumente lernen. Alles, was hilft, die
zweckfreie, unprofessionelle, unverhunzte Musikliebe
wieder zu kultivieren.
Habt ihr mit „Bring
mich nach Hause“ irgendwelche Ziele verbunden?
Pola: Wir wollten
einen „live-igeren“ Sound erreichen und uns zu
dem Zweck auch besser vorbereiten, sprich: üben.
Bei den letzten beiden Platten ist dieser Aspekt
immer zu kurz gekommen, schlicht aus Zeitmangel,
weil wir eigentlich ständig auf Tour waren und
dann immer direkt mit noch nie gespielten Song-Skizzen
ins Studio eingefallen sind.
Es wird gemunkelt,
dieses Album sei viel „akustischer“ und weniger
„poppig“ als man Wir sind Helden bisher kannte.
Was ist da dran?
Pola: Wir haben
viel mehr „echte“ Instrumente benutzt und jedes
Mal, wenn wir auf der Suche nach einem speziellen
Sound waren, erstmal das vorhandene Analog -Instrumentarium
durchstöbert, statt zu einem Synthie zu greifen.
Dadurch haben sich Instrumente wie Akkordeon,
Banjo, Glockenspiel, eine arabische Laute und
ein wildes Sammelsurium an Percussion -Geräten
auf´s Album geschlichen.
Judith: … was bestimmt
zu einem akustischeren, vintage-mäßigen, teilweise
sogar folkigen Sound beiträgt.
Mark: Dazu kommt,
dass die Songs durch das Live-Einspielen – und
auch eine gewisse Lässigkeit kleinen Fehlern und
Freiheiten gegenüber – tatsächlich mehr atmen
und dass für unser Gefühl tatsächlich mehr Bewegung
und Leben drin ist.
Ihr habt dieses
Mal mit einem englischen Produzenten gearbeitet.
Wer ist das? Wie kam es dazu? Und wo habt ihr
den gefunden?
Judith: Ian Davenport
heißt er und gefunden haben wir
ihn in der Nähe von Slough – bekannt aus der Fernsehserie
„The Office.“
Mark: Ian war eine
Empfehlung eines Freundes. Und er hat uns im ersten
Treffen vor allem durch Freundlichkeit und einen
bestechenden Musikgeschmack für sich gewonnen.
Pola: Genauer gesagt
dadurch, dass er uns nicht nur eine CD in die
Hand drückte mit Sachen, die er selbst produziert
hat, sondern auch eine mit Sachen, die er persönlich
mag.
Jean: Und dass
Ian sich zuhause im weiteren Radiohead –Umfeld
bewegt und außerdem Leute wie Athlete und Badly
Drawn Boy und zuletzt Band of Skulls produziert
hat, hat uns natürlich auch nicht gerade gestört.
Merkt man der Platte
an, dass bei den Aufnahmen die Amtssprache Englisch
war?
Pola: Das es problematisch
sein könnte, so textlastige Musik mit einem englischen
Produzenten aufzunehmen, ist uns tatsächlich erst
klar geworden, als wir schon mit Ian am Tisch
saßen. Da ist uns kurz das Herz in die Hose gerutscht.
Aber erstaunlicherweise hat sich die Sprachbarriere
eher als Glücksfall herausgestellt.
Judith: Durch
dieses Moment des Übersetzenmüssens habe ich mich
mit Ian mehr über die Texte unterhalten, als bisher
in irgendeiner Zusammenarbeit. Und Ian
hat sich wahnsinnig gut eingefühlt in die kleinen
Details von Ausdruck und Stimmung eines Textes
und war sehr darauf bedacht, bei den Gesangsaufnahmen
genau die richtige Haltung zu finden.
Mark: Absurde Situationen
gab’s natürlich trotzdem. Wenn Ian Judith zum
Beispiel aufforderte, „sexsüchtig“ zu singen,
aber „sehnsüchtig“ meinte …
Die Helden waren
im Studio diesmal zu fünft. Wer ist der ominöse
fünfte Mann und wie würdet ihr sein Wirken auf
Musik und Bandgefüge beschreiben?
Jean: Der geheimnisvolle
fünfte Mann ist Jörg Holdinghausen von der befreundeten
Band Tele. Er war als Gastmusiker die ganze Produktion
über dabei und wird uns auch live verstärken.
Sein Dabeisein hat uns freier gemacht und dieses
bunte Instrumentenkarussel erst ermöglicht – und
dazu beigetragen, dass zum Beispiel Mark dann
anstatt seines Basses meistens eine Gitarre, ein
Banjo oder eine sich ausdauernd verstimmende arabische
Laute in der Hand hatte.
Judith: Davon abgesehen
ist Jörg ein unglaublich musikalischer Mensch,
ein Musiker bis in die letzte Faser. Und so jemanden
dabei zu haben, ist natürlich sehr inspirierend
– weil er Teilnehmender, aber irgendwie auch Publikum
war. Viel mehr, als wir vier das für einander
sein können, weil wir uns viel zu gut kennen.
Wenn „Die Reklamation“
das frischfrommfröhlichfreie Debüt war, „Von hier
an blind“ die alles mitreißende Hitscheibe und
„Soundso“ die kontemplativ-verschrobene Runterkommplatte
– was ist dann „Bring mich nach Hause“?
Mark: Ich kann
mir vorstellen, dass dieses Album vielen Hörern
melancholischer und dunkler vorkommen wird, als
die drei anderen, aber auf der anderen Seite hat
es ja auch ganz euphorische Momente. Es sind viele
Geschichten drauf, mal ganz reale, wie bei der
„Ballade von Wolfgang und Brigitte,“ aber vor
allem auch seltsame, traumhafte. Wie in „Flucht
in Ketten“, „Was uns beiden gehört“ oder „Bring
mich nach Hause.“
Judith: Vielleicht
ist dieses Album ein bisschen weniger „Haha“ und
dafür ein wenig mehr „Hmmm.“ Bandmäßiger klingt
es hoffentlich, und organischer durch die vielen
„echten“ Instrumente. Wir finden es auf jeden
Fall sehr schön. Möge es „das schöne Album“ genannt
werden.“
* Mehr schöne Sprachirrtümer und andere erhellende
Studiogeschichten finden sich übrigens im Tagebuch
auf www.wirsindhelden.de
** das Interview führte Josef Winkler, der
auch das Heldenbuch “Informationen zu Touren und
anderen Einzelteilen“ mitgeschrieben hat.
Interview réalisé par Josef
Winkler